Zelt Gottes unter den Menschen 17.07.2010

ST. JOSEF IN DOTZHEIM „Kirche für Karfreitage“ / Sakrales und Profanes begegnen sich im Bau aus 1970er Jahren

WIESBADEN. Von Marianne Kreikenbom. - In Räume für Mensch und Liturgie, die wir in aller Regel Kirchen nennen, führt die Veranstaltungsreihe „Bekannte Unbekannte“ der Initiative „Kirche und Kultur“ der Katholischen Kirche in Wiesbaden. Die Reihe startete im Juni mit St. Mauritius in Sonnenberg und wurde fortgesetzt mit St. Josef in Dotzheim. Unter Leitung und Führung von Dr. Simone Husemann, Hedi Seidler und Stephan Herold folgen bis September noch Besuche in der Kirche Heilige Familie sowie in der Kirche Mariä Heimsuchung im Kohlheck. Insgesamt sollen Beispiele moderner Sakralbauten der 1950er, 60er und 70er Jahre „mit neuem Blick“ betrachtet werden. Eine dankenswerter Plan. Ob es sich dabei allerdings um „Kirchenräume der Jetztzeit“ handelt, wie im Veranstaltungsflyer formuliert, darf man angesichts der vierzig bis sechzig Jahre alten Bauwerke bezweifeln.
„Heute würde man eine Kirche nicht mehr so bauen“, erklärte völlig zu Recht Markus Frank Hollingshaus, seit 1990 Kirchenmusiker in St. Josef und ehemals auch Mitglied im Verwaltungsrat. Jede Zeit hat ihre Architektur. Man nehme nur zum Vergleich die Freiburger katholische Kirche St. Maria Magdalena der Kölner Architekten Kister, Scheithauer und Gross aus dem Jahr 2004. Zwischen ihr und St. Josef liegen inhaltlich wie architektonisch bereits Welten. Andererseits gibt es inzwischen auch wieder restaurative Tendenzen, zurück zur Basilika beispielsweise.

Die heutige Kirche St. Josef, so berichtete Referentin Hedi Seidler, entstand zwischen 1977 und 1979 auf dem Gelände zweier Vorgängerbauten: der im Februar 1945 bei einem Bombenangriff zerstörten historistisch inspirierten ursprünglichen Kirche von 1902 und der zwar rasch, aber mit zeitbedingt schlechtem Material, neu gebauten Kirche aus der frühen Nachkriegszeit, die schließlich abgerissen wurde, um für den Neubau nach Plänen des Züricher Architekten Justus Dahinden (geb. 1925) Platz zu machen.
Für die hauptsächlich während der 1970er Jahre in der Schweiz und Deutschland realisierten Kirchen des heute 85-Jährigen gilt ein erkennbares, fast Identität stiftendes Formenrepertoire, zu dem schräge Wände im Innen- und Außenraum genauso gehören wie dem Alltag entrückte Raumfolgen, expressive Übersteigerungen, eine raffinierte indirekte Lichtführung und die Verwendung von Symbolik und Urformen (Archetypen) wie etwa der Pyramide.
So überdeckt bei St. Josef ein mächtiges pyramidenartiges Dach den wuchtig wirkenden, von geometrischen Formen wie Quader, Dreieck und Zylinder gegliederten Baukörper. Der grobe Kieselputz - ein „Markenzeichen“ Justus Dahindens - verstärkt optisch den Eindruck des Massiven. Der gleiche Grobputz findet sich auch im Innenraum wieder. Ebenso die ochsenblutrote Farbgebung der Fensterrahmen und Türen. Obwohl aus handfesten Kostengründen anno 1979 eher eine Notlösung, fügt sich der damals preisgünstigere Fußboden aus Verbundpflaster recht gut ins Gesamtbild. Er ist eine Wiederholung des Belages im Hof und holt das Außen und damit symbolisch auch die Welt in die Kirche hinein, genauso wie die transparent verglasten Fenster die Kirche symbolträchtig in die Welt hinaus schauen lässt. Sakrales und Profanes begegnen sich in St. Josef auf vielfache Art und Weise.
Die, sagen wir, typische „Architekturphilosophie“ der 1970er Jahre versteht Kirchen funktional als gemeinschaftsfördernde Mehrzweckräume und baut sie dementsprechend wie hier in Dotzheim mit Kindertagesstätte, Caféteria, Versammlungsräumen und Kegelbahn. Dennoch geht auch bei dieser hautnahen Begegnung mit der Welt oder dem Weltlichen nichts vom sakralen Charakter der Kirche verloren. Dass nachträglich ein großes weißes Kreuz auf die (originale) himmelblaue Fläche über dem ursprünglichen Haupteingang in der Josefstraße gemalt wurde, um auswärtigen Besuchern zu signalisieren „Das ist die Kirche“, ändert nichts oder nicht viel an der geistigen Sphäre.
Sie konzentriert sich im Inneren und bleibt - sicher von jedem emotional anders empfunden - gegenwärtig, trotz Abwesenheit von Kirchturm und Chor, Haupt- und Seitenschiff, Vorhalle und Apsis. Anschaulich erklärte Hedi Seidler den Skulpturcharakter des Baus und seine von drei verschiedenen Seiten aufsteigende Dachlandschaft. St. Josef gebe eine Stimmung vor, die sich kaum beschreiben lasse, meinte Kirchenkenner Hollingshaus und resümierte: „Das ist die Kirche für Karfreitage.“ St. Josef funktioniere als Gemeindekirche, aber nicht in all den vom Architekten geplanten Details, schränkte er sachlich ein. So ließen sich durch den Einsatz der Schiebewand im Kirchenraum keine zwei stimmigen Räume herstellen, und der eigentliche Haupteingang, der nicht nur symbolisch, sondern ganz real über eine Treppe aus dem Dunkel zum Licht führe, werde von Gemeindemitgliedern seit jeher kaum benutzt.

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